Sobald sich Diskussionen um Vor- und Nachteile des Kapitalismus drehen, ist eines der lautesten Argumente der Kapitalismusbefürworter*innen oft die Förderung der Innovation durch den kapitalistischen Wettkampf auf dem Markt. Ein Argument, das auf den ersten Blick logisch erscheint. Verschiedene Firmen ringen im Namen der Kapitalmonopolisierung um die Spitze und müssen sich durch herausragende Alleinstellungsmerkmale ihrer Produkte durchsetzen. So zumindest ist die gängige Erzählung. Es lohnt sich jedoch, dieses Argument genauer zu betrachten und mittels realer Beispiele diese Mär der kapitalistischen Innovationsförderung zu zerlegen. Stellen wir nun zwei dieser typischen Behauptungen in den Raum, um sie zu prüfen.

„Der Kapitalismus bietet die Grundlage für Forschungsdurchbrüche.“

Im Januar 2007 wurde von der Apple-Ikone Steve Jobs das erste iPhone vorgestellt, das mit seiner Touchscreen-Technologie eine Wende im Bereich der Smartphones einläutete. Auf den ersten Blick eine Bestätigung. Ab dem Launch dieses neuen Smartphones konnte Apple seine Marktanteile im Handy-Bereich von 0 % innerhalb weniger Jahre auf teils über 20 % steigern. Dieser Durchbruch auf dem Markt wird oftmals als Beispiel für die Bestätigung der kapitalistischen Innovation gesehen. Wenn man jedoch den Ursprung der Touchscreen-Technologie, die der ausschlaggebende Punkt für den Erfolg des iPhones war, näher betrachtet, lässt sich feststellen, dass die Technologie auf der Arbeit mehrerer staatlich finanzierter Forschungsinstitutionen basiert.

  • Die erste Idee für einen fingergesteuerten Touchscreen wurde im Oktober 1965 im Royal Radar Establishment festgehalten – einer britischen Radarforschungsanstalt.
  • Der erste funktionierende resistive Touchscreen, der einen Durchbruch darstellte, wurde 1970 im Rahmen von Forschungsarbeiten an der Universität von Kentucky konstruiert.
  • Das erste sogenannte Multi-Touchscreen-Overlay, das unserer heutigen Technologie am nächsten kommt, wurde 1982 an der Universität von Toronto entwickelt.

Apple selbst hat den Touchscreen nicht erfunden. Apple selbst hatte nicht einmal die Idee für die Entwicklung des Touchscreens. Vielmehr griff das Unternehmen auf die Ergebnisse staatlich finanzierter Grundlagenforschung zurück um diese dann auf dem Weltmarkt populär zu machen. Und dies ist kein Einzelfall. Der Touchscreen reiht sich nur in eine Vielzahl technologischer Durchbrüche ein, die auf rein staatlicher Forschung basieren. Listen wir nun einige Beispiele:

  1. Das Internet
  2. Das GPS
  3. Mikroprozessoren
  4. Solar und Batterietechnologien
  5. mRNA-Impfstoffe
  6. Künstliche Intelligenz

Die Firmen haben tatsächlich kein Interesse daran, diese Grundlagenforschung selbst zu betreiben, da diese aufgrund eines hohen Ausfallrisikos viel zu riskant ist. Es wird sich lediglich auf bereits erfolgreiche staatlich finanzierte Forschung gestützt, um diese dann den Konsument*innen gegenüber als eigene bahnbrechende Innovation zu verkaufen.

„Die Innovation wird durch den Ehrgeiz der Kapitalisten sich auf dem Markt zu behaupten gestärkt.“

Die Erzählung, dass der Kapitalismus technologische Durchbrüche durch Forschung hervorbringt, haben wir nun bereits entkräftet. Doch wie sieht es damit aus, dass das Streben nach einer Behauptung auf dem Markt dazu führt, den Markt mit weiterer Innovation zu versorgen, um somit einen Mehrwert für Verbraucher*innen zu bieten?

Als Beispiel hierfür nehmen wir die Pharmaindustrie, insbesondere den aktuellen Fall des Medikaments Ozempic der Firma Novo Nordisk. Die ursprüngliche Indikation dieses Produkts war die Behandlung von Typ-2 Diabetes mellitus. Ozempic erreichte in den vergangenen Jahren jedoch Berühmtheit durch eine Indikationserweiterung. Nachdem festgestellt wurde, dass dieser Wirkstoff das Sättigungsgefühl verlängert und den Appetit verringert, leuchteten die Geldscheine in den Augen der Kapitalist*innen. Ab dem Zeitpunkt der Zulassung im Jahr 2021 explodierte die Novo Nordisk Aktie regelrecht. Allein im Jahr 2023 konnte mit dem Molekül ein Umsatz von geschätzt 17 Milliarden Euro erzielt werden. Die traurige Realität für die Diabetes-Patient*innen war jedoch, dass ihre dringend benötigten Medikamente für sie kaum noch zu bekommen waren, da der Großteil der verfügbaren Ware für die Gewichtsreduktion, angestachelt durch die gefährlichen und unnatürlichen Schönheitsideale unserer Gesellschaft, genutzt wurde.

Die Mitbewerber*innen erkannten natürlich das enorme Potenzial hinter dem Medikament, allein schon, weil Novo Nordisk den großen Bedarf mit den eigenen Produktionskapazitäten nicht im Ansatz decken konnte. Sofort wurden Unmengen an Ressourcen in die Entwicklung von Konkurrenzmolekülen gesteckt. Hier eine unvollständige Liste der daran beteiligten Firmen:

  • Eli Lilly
  • Pfizer
  • Amgen
  • Boehringer Ingelheim

Als Konsequenz haben wir nun eine Vielzahl an Global Playern der Pharmaindustrie, die parallel versuchen, ihre eigenen Medikamente auf den Markt zu bringen, um auch ein Stück des Kuchens abzubekommen. Doch wo bleibt hier die vielversprochene Innovation durch den Wettbewerb? Wie innovativ kann dieses System sein, wenn unterschiedliche Firmen an einem Produkt forschen, das es bereits gibt? Die Leidtragenden waren und sind hier die Patient*innen, die natürlich weiterhin auf ihr wichtiges Diabetesmedikament angewiesen sind. Die Natur des Kapitalismus hat es hier unmöglich gemacht, den Menschen das zu geben, was sie benötigen. Zum einen hat er mit der Werbeindustrie irrationale und gefährliche Schönheitsideale erschaffen, die in diesem Fall erst die Marktversorgung durch plötzlichen Überbedarf zusammenbrechen ließen. Zum anderen war es durch das Interesse der Firmen an einer Kapitalmaximierung unmöglich, dass das bereits funktionierende Produkt im Zusammenspiel schnell und ausreichend produziert werden kann. Stattdessen fließen Abermilliarden an Euro in eine parallele Entwicklung, um am Ende nach jahrelanger intensiver Arbeit gleichartig wirkende Medikamente zu erhalten. Und dies ist kein Alleinstellungsmerkmal für Ozempic. Wir müssen uns beispielsweise nur in den Supermarkt stellen und anschauen, wie viele verschiedene Erdbeerjoghurts zur Auswahl stehen. Oder welche bahnbrechenden Unterschiede haben wir im Smartphone-Markt zwischen den einzelnen Herstellern? Überall im Markt können wir die gleichen Dynamiken beobachten. Unterschiedliche Firmen arbeiten „im Geheimen“ für sich an Produkten, die sich alle, teils bis ins letzte Detail, gleichen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Kapitalismus keine bahnbrechenden Innovationen schafft. Im Gegenteil, er stützt sich nur auf die Arbeit staatlicher Forschung. Eine Forschung, die somit durch die gesamte Gesellschaft finanziert wurde. Letztendlich profitiert am Ende durch dieses ineffiziente System das private Kapital.

Ein sozialistischer Ansatz könnte den Weg für eine Wissenschaft ebnen, die in einer breiten Zusammenarbeit zwischen öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen, der Gesellschaft und der Industrie neue Lösungen entwickelt – Lösungen, die nicht von der Nachfrage nach Profit bestimmt werden, sondern von den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen. Ein simples, aber perfektes historisches Beispiel hierfür war „Superfest“ – ein von der DDR in Auftrag gegebenes Trinkglas welches als nahezu unzerbrechlich gilt. Ein gastronomischer Betrieb muss im Laufe eines Jahres 50 – 100 % seiner gesamten Glasware ersetzen, was für die Betriebe massive Kosten verursacht und dazu beiträgt, dass eine Unmenge an Energie in die Herstellung neuer Gläser fließt. Eine enorme Belastung für Betriebe und Umwelt. Binnen kurzer Zeit konnte in der DDR die gesamte Gastronomie mit Superfest ausgestattet werden, was dort zu starker finanzieller Entlastung der Betriebe führte. Sozusagen ein perfektes Produkt – zu perfekt für den Kapitalismus. Es wurde ebenso versucht Superfest in den kapitalistischen Ländern auf den Markt zu bringen. Tatsächlich wurde nicht ein einziges Glas verkauft, da die kapitalistischen Firmen kein Interesse an nachhaltigen Produkten haben. Das Argument war simpel: Ein Produkt, das nicht kaputt geht, lässt sich nicht zweimal an dieselben Kund*innen verkaufen. Der Kapitalismus hat es in diesem Fall geschafft, dass weiterhin jedes Jahr Milliarden von Gläsern unnötigerweise hergestellt werden. Hier wurde Innovation aktiv mit der Logik der Profitmaximierung verhindert.

Quellen:

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